Zoom in. Social Vibrations


object to use #1
in front of the drawings by Mark Dion 
at the Kunstverein Hannover



Photo: Raimund Zarkowski

In einem Nebenraum der Ausstellung hängen die Vorstudien zu den Objekten von Mark Dion. Diese mit dem Lineal konstruierten zweifarbigen Zeichnungen geben die Ordnung der Werke zweidimensional auf DIN A3 vor. Sie reduzieren den Fundus des Möglichen auf kleine Sammlungen, die das Verhältnis von Natur und ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung darstellen wollen. Die rechteckige Grundform des Nebenraumes wird duch die Türöffnung an einer der schmalen Seiten betreten. Direkt gegenüber ist eine Glasvitrine mit dem Modell der "biologischen Forschungsstation Alster 2002". Überflüssigerweise findet sich davor noch ein Bürostuhl auf Rollen.

Mit dem Objekt "ZOOM IN - SOCIAL VIBRATIONS" wird für Ilka Theurich die hier im Raum skizzierte Ausstellung Dions selbst zum Panoptikum, sowie zur archivierenden und verzerrenden Wahrnehmung der Kunst. 

In den Raum gestellt, aber in ihm wirklich beweglich (wie keines der anderen Exponate), lässt sich der Stuhl benutzen, um auf ihm sitzend einen Blick durch die angebrachte Lupe auf Dions Entwürfe zu werfen. Der Raum mit den diversen, aber eben gleichartigen Vorzeichnungen Dions wird durch sie gebündelt wie im Licht mit einer Linse. So wird durch dieses Objekt die flächige Bebilderung der Wände auf einen beweglichen Punkt hin konzentriert. 

Das Objekt mach sich per anhängender Mappe selbst zum Exponat. Ganz ähnlich einer Expertise, die beim Lesen des in einem schmucken Plastikschoner steckenden mehrseitigen Papiers auch den Einblick hinterlässt, sie könnte einem Möbelhaus abhanden gekommen sein. Der Stuhl wird beschrieben und erfasst als ergonomisches Exemplar seiner Art. 

Seine Planung, Herstellung, der Verkauf und seine Benutzung sind so im uns zur Verfügung stehenden Resutat des Entstehungsprozesses der Ausstellung zugleich gegenwärtig und erloschen. Auf einer nummerierten Karteikarte des Landesmuseums ist als besitzende Sammlerin der Name der Künstlerin eingetragen. 

Die momentanen Benutzer können die Ergonomie des alten, benutzten, hölzernen Schreibtischstuhls erfahren, indem sie sich auf ihm im Raum bewegen. Dafür müssen sie allerdings ihre Füße auf den Boden bringen, denn die gehören komfortabler Wiese auf einen stuhleigenen Fußtritt (10 cm über dem Boden). Den Boden unter den Füßen benutzend bringen sie den Stuhl in Fahrt. Dessen Ergonomie verweist auf die Natur, die dem Menschen entgegen steht. Das Material muss ihm erst gerecht werden. In Form des Stuhles tritt es den Benutzern standardisiert gegenüber und zwingt als selbstgezwungenes ihm seine Eigenheit nun gesellschaftlich vermittelt auf. 

Die Künsterlin fügt außer den in angehängter Plastiktasche zu findenden Bögen zum richtigen Gebrauch des Stuhles durch seine Natur noch einen gegenständlichen Kommentar hinzu.

Die Verfügung über die Natur wird beim Aufsitzen durch die große, mittlerweile stromlose, schwenkbare, weiße, theoretisch beleuchtbare, aus Plastik und Glas bestehende, frei anschraubbare Tischlupe, die an der Armlehne unpraktisch angebracht ist, deutlich erschwert. Sie scheint der Vergößerung der verkleinerten Studien Dions zu dienen. Tut dies auch eine handbreit. Wenn der Benutzer den Raum durch die Lupe betrachtet, so gelingt es ihm allerdings nicht, Wände, Bilder, Schiffsobjekt oder andere Besucher im Ganzen scharf zu stellen. Der Betrachter im Stuhl sieht durch sie hindurch eine verzerrte Welt, die optisch in neue Farben gebrochen wird. Die Besucher mit Blick auf den Benutzer allerdings sehen eine porentiefe Nahaufnahme desselben. Eine Vergrößerung seines Blicks. Sie können das Beobachten beobachten und gemeinsam darüber lachen. Auch eine Form von "Social Vibroations".

Die ästhetisierende Wahrnehmung der Wahrnehmung der Natur durch Dion, die wiederum die Natur selbst als das Andere präpariert, steht in "ZOOM IN - SOCIAL VIBRATIONS" in Frage und wird zum Problem auch der künstlerischen / künstlichen Panoptiken, zu denen Kunstausstellungen mit ihren einsortierenden Zettelkommentaren und Werken werden können. Im Problem der Wahrnehmung der Wahrnehmung ist Ilka Theurich dem Problem der materialistischen Naturbetrachtung näher als Dion, denn ihr gerät die Reflexivität des Lebens und des Geistes nicht zur Dualität, in der sie stecken bleibt. Gerade weil das Objekt verloren in diesem Raum steht, ist "ZOOM IN - SOCIAL VIBRATIONS" an diesen Ort gebunden. Der Stuh funktioniert nur hier.

Dieses Objekt weiß um seine Gegenständlichkeit und reflektiert sie. Die Kunst reflektiert ihre Künstlichkeit und als gemachte auch ihr Verhältnis zur Natur, sowie beider Verhältnis zur Wahrnehung und Darstellung. (Text. Oliver Voss M.A., 2003)